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2. Kapitel: Overload, Meltdown, Shutdown (Trigger warning!)

Ein Drama in (meist) drei Akten

(Trigger warning, da selbstverletzendes Verhalten thematisiert wird)



1. Akt: Der Overload


(Kurze Einführung für das Publikum):

Bei einer Reizüberflutung (auch Overload genannt) nimmt der Körper so viele Reize auf einmal auf, dass diese nicht mehr schnell genug verarbeitet werden können. Diese Überlastung führt bei der betroffenen Person zu einer psychischen Überforderung.

Die Auslöser für einen Overload können ganz unterschiedlich sein. Manchmal braucht es dafür erst einen langen Schultag, manchmal reicht aber auch schon ein störendes oder ungewohntes Geräusch oder ein fremdartiger Duft. Ein Overload fühlt sich bestimmt für jede*n Autist*in anders an. Für mich fühlt es sich an, als ob mein Kopf gleich explodieren würde. (Es tut mir leid aber ich muss diese ganze Thematik mit Metaphern umschreiben, anders kann ich es leider nicht auf einer Ebene erklären, die für andere verständlich wäre.)

Die ganzen Reize, welche ungefiltert auf mich eingeprasselt sind, sind nun in meinem Kopf gespeichert und beginnen sich wie im Loop ständig und immer penetranter werdend zu wiederholen. Die Gespräche in meinem Kopf werden lauter. Ich sehe jedes Detail und höre jedes Geräusch. Ich rieche zum Beispiel das Parfum der Frau, die neben mir steht und das reicht, damit ich Kopfschmerzen bekomme. Ich kann mich nicht mehr gut konzentrieren, da ich von allen Seiten Informationen aufnehme. Ich werde langsam nervös. Ich beginne mit selbststimulierendem Verhalten (Stimming). Die Art des Stimming ist stark von der Situation abhängig, in der ich mich gerade befinde. Meistens jedoch sind es physische Bewegungen mit den Händen (z.B. einen Takt klopfen) oder ich wiederhole eine bestimmte Zahlen- oder Wortkombination (Stimming durch Laute oder Geräusche). Nun bin ich ziemlich nervös. Ich brauche Stressreduktion von aussen und eine Veränderung der Situation (z.B. durch die Rückzugsmöglichkeit in ein stilles Zimmer oder die Möglichkeit nach Hause zu gehen).

Ändert sich nichts an der Situation, kann es sein, dass ich Panik kriege und beginne zu

hyperventilieren. Wobei wir nun beim nächsten Akt angekommen sind.




2. Akt: Der Meltdown



(Kurze Einführung für das Publikum): Wenn sich die Person bei einer Reizüberflutung nicht genügend von den Reizen abschirmen kann, führt dies oftmals zu einem Meltdown (Kernschmelze). Das Ganze sieht von aussen betrachtet aus wie ein schlimmer Wutausbruch. Die betroffene Person hat keine Kontrolle mehr über ihr Verhalten und kann Dinge umherwerfen, laut schreien und kann auch autoagressives Verhalten aufzeigen. In Wahrheit ist es nicht Wut, welche die Betroffenen empfinden, sondern Verzweiflung. In so einer Situation ist es sehr wichtig, die betroffene Person nicht (sanft) anzufassen oder festzuhalten, da dies einen zusätzlichen (taktilen) Reiz darstellen würde.


Ich bin mittlerweile extrem gestresst und extrem nervös. Mein Kopf fühlt sich immer noch an, als würde er bald explodieren (rein theoretisch weiss ich gar nicht wie sich der Kopf anfühlen würde, kurz bevor er explodiert. Aber um das Stück dramatisch zu halten, belassen wir es bei dieser ungenauen Aussage). Falls ich mich in einer Situation befinde in der ich stehe, bin ich spätestens jetzt am laufen. Ich betreibe immer noch selbststimulierendes Verhalten, nun ist es so, dass rein physische Bewegungen nicht mehr ausreichen um mich zu beruhigen. Das bedeutet, dass ich einen zusätzlichen, starken Reiz brauche um mich von der eigentlichen Reizüberflutung abzulenken und sie zu überstehen. Als ich noch ein kleines Kind war (ca. drei Jahre alt) habe ich mich immer gebissen. Meist in die rechte Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger, in die Knie oder in die Arme, so fest, bis es geblutet hat.

Das half mir sehr den momentanen Druck abzubauen und den Stress zu reduzieren. Wenn ich mich biss, half es mir meinen Körper wieder zu spüren und ihn wahrzunehmen. Den Schmerz habe ich nicht gespürt. Je älter ich wurde, desto weniger half mir das beissen und so habe ich ca. mit zwölf Jahren angefangen mir mit einer Nagelschäre grosse Stücke Haut heraus zu schneiden. Zuerst an den Beinen und später auch an den Armen, an der Brust und am Bauch. Die Schnitte wurden zu meinem Ventil und ich stellte mir vor wie mit dem Blut die ganze Anspannung aus meinem Körper fliessen würde. (Zurück zur aktuellen Meltdown Situation) Also beginne ich nun mit autoaggresivem Verhalten. Ich fühle mich extrem unwohl in meinem ganzen Körper und würde am liebsten "hinausschlüpfen". Ich winde mich hin und her und verrenken meine Finger und Zehen (keine Ahnung wieso), mein ganzer Körper verkrampft sich. (Ich kann euch garantieren, es ist kein schöner Anblick, es sieht ungefähr so aus als hätte ich einen starken, epileptischen Krampfanfall). Früher habe ich immer alle möglichen Dinge umher geworfen und Sofakissen auseinander gerissen. Ich habe extrem laut geschrien und geweint. Heute weine ich nur noch selten dabei, aber ich schreie immer noch enorm laut, weil ich dabei starke Schmerzen habe. Diese Schmerzen sind nicht einfach zu erklären. Es ist ein starker innerer, psychischer Schmerz. So als ob dich jemand in Stücke reissen würde (auf psychischer Ebene, ist schwer zu erklären). Wenn ich so eine Situation erlebe, komme ich von alleine nicht mehr daraus hinaus. Ich muss Beruhigungsmittel nehmen um überhaupt wieder richtig ansprechbar zu sein. Meist muss die Dosis dafür so hoch sein, dass ich danach bis zu zwölf Stunden am Stück schlafe.




3. und letzter Akt: Der Shutdown



(Kurze Einführung für das Publikum): Nach einem Meltdown folgt meist der Shutdown. Die Betroffen ziehen sich zurück und viele Autisten*innen sind dabei überhaupt nicht mehr ansprechbar. Die Energie ist komplett verbraucht und muss nun erstmal wieder „aufgeladen“ werden.


Wie gesagt, ich nehme starke Medikamente und bin danach meist zwölf Stunden weg.

Eine Nebenwirkung der Medikamente ist nach dem Aufwachen ein starkes Schwindelgefühl. Es dauert 24 - 48h bis die verabreichte Medikation wieder abgebaut ist. Eine Weile musste ich vermehrt Notfall Medikamente einnehmen, dies führte zudem zu starkem, einseitigem Nasenbluten.



Was hilft mir bei einem Overload?


Für mich ist es sehr schwer in der Situation zu erkennen, dass ich gerade einen Overload habe oder eine Situation bald zu einem führen könnte. Falls es mir trotzdem gelingt, prüfe ich die Situation auf folgende Kriterien:


  • Kann ich weg? Kann ich der Situation entfliehen, z.B. in einen stillen Raum gehen.

  • Habe ich Gehörschützer dabei um auditive Reize abzuschwächen?

  • Bin ich in der Lage jemandem zu kommunizieren, wie es mir gerade geht?


Ist es möglich einen oder gleich mehrere dieser Punkte umzusetzen, ist das schon mal ein guter Anfang :) Der Rest ist meist situationsabhängig.

Im Endeffekt ist das Einzige, was mir wirklich effektiv dabei hilft einem Overload vorzubeugen und zu verhindern, dass ich meine Grenzen im Bezug auf soziale Kontakte und äussere Reize besser kennen lerne und merke, wann ich mich zurückziehen muss um Energie zu tanken. So lerne ich mit meinem Energiehaushalt besser umzugehen.






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Das Fenster zur Welt Augen Ich starre aus meinem Fenster. Direkt ins große, blaue Nichts. Ich starre aus meinem Fenster. Auf den Baum direkt vor mir, auf die untergehende Sonne, die den Himmel violett

Was hilft mir bei einem Overload?

Ich habe zwar darüber geschrieben, was bei einem Overload passiert, aber ich habe überhaupt nicht erwähnt, was mir dabei hilft diesen zu bewältigen oder besser zu überstehen. Ich habe eine persönliche